Kara Helena Sandler
Psychologie-StudentinVor einem wichtigen Termin fehlt plötzlich der Appetit. In einer stressigen Phase reagiert die Verdauung empfindlicher als sonst. Sorgen können buchstäblich auf den Magen schlagen – und starke Nervosität macht sich bei manchen Menschen unmittelbar im Bauch bemerkbar.
Dass unsere Psyche unseren Verdauungstrakt beeinflussen kann, ist also leicht nachvollziehbar.
Spannender ist die umgekehrte Frage: Kann der Zustand unseres Darms auch beeinflussen, wie wir uns psychisch fühlen?
Genau damit beschäftigt sich die Forschung zur Darm-Hirn-Achse. Inzwischen ist deutlich geworden, dass Darm und Gehirn nicht unabhängig voneinander arbeiten. Sie stehen über das Nervensystem, das Immunsystem, Hormone und Stoffwechselprodukte in einem ständigen Austausch.
Das bedeutet nicht, dass Depressionen, Ängste oder Erschöpfung einfach „im Darm entstehen“. Psychische Gesundheit ist wesentlich komplexer. Der Darm scheint jedoch ein Teil dieses komplexen Systems zu sein – und genau das macht die Forschung so interessant.
Was ist die Darmflora eigentlich?
Der Begriff „Darmflora“ ist im Alltag weit verbreitet. Wissenschaftlich spricht man heute häufiger vom Darmmikrobiom beziehungsweise von der Darmmikrobiota.
In unserem Verdauungssystem leben Billionen von Mikroorganismen. Dazu gehören vor allem Bakterien, aber auch Viren, Pilze und andere Mikroorganismen. Sie bilden ein hochkomplexes Ökosystem, dessen Zusammensetzung sich von Mensch zu Mensch unterscheidet.
Diese Mikroorganismen leben nicht einfach nur in unserem Darm. Sie beteiligen sich unter anderem an:
- der Verarbeitung bestimmter Nahrungsbestandteile,
- der Bildung verschiedener Stoffwechselprodukte,
- der Regulation der Darmbarriere,
- der Kommunikation mit dem Immunsystem,
- und indirekt auch an Signalwegen, die für das Nervensystem relevant sind.
Die Zusammensetzung des Mikrobioms wird wiederum durch zahlreiche Faktoren beeinflusst: Ernährung, Medikamente – insbesondere Antibiotika –, Bewegung, Alter, Krankheiten, Schlaf und vermutlich auch chronischer Stress spielen dabei eine Rolle.
Was bedeutet „Dysbiose“?
Häufig ist im Zusammenhang mit der Darmgesundheit von einer Dysbiose die Rede. Gemeint ist damit eine veränderte Zusammensetzung oder Funktion des Darmmikrobioms.
Der Begriff sollte allerdings vorsichtig verwendet werden. Es gibt bislang keine einfache Bakterienzusammensetzung, die bei jedem Menschen eindeutig als „gesund“ gilt. Menschen unterscheiden sich erheblich voneinander.
Eine Dysbiose ist deshalb nicht automatisch eine Krankheit – und erst recht kein Beweis dafür, dass sie eine bestimmte psychische Erkrankung verursacht.
Die Darm-Hirn-Achse: Kommunikation in beide Richtungen
Die Darm-Hirn-Achse lässt sich am besten als ein Kommunikationsnetzwerk zwischen Verdauungssystem und Gehirn verstehen.
Dabei gibt es nicht den einen Weg vom Darm zum Gehirn. Vielmehr laufen mehrere Kommunikationswege gleichzeitig. Dazu gehören insbesondere:
Nervensystem → Immunsystem → Hormonsystem → bakterielle Stoffwechselprodukte
Entscheidend ist außerdem: Die Kommunikation funktioniert in beide Richtungen.


Vom Gehirn zum Darm
Diese Richtung erleben wir regelmäßig im Alltag.
Wenn wir unter Stress stehen, aktiviert unser Körper unter anderem das autonome Nervensystem und das hormonelle Stresssystem. Dadurch können sich Darmbewegung, Verdauungssekrete, Appetit und Durchblutung verändern.
Deshalb können psychische Belastungen beispielsweise mit
- Übelkeit,
- verändertem Appetit,
- Bauchschmerzen,
- Durchfall
- oder Verstopfung
einhergehen.
Chronischer Stress kann darüber hinaus Prozesse beeinflussen, die für Darmbarriere, Immunaktivität und Mikrobiom relevant sind. Forschungsergebnisse sprechen deshalb zunehmend von einem Gehirn-Darm-Gehirn-Kreislauf, bei dem psychischer Stress Veränderungen im Darm fördern kann, die wiederum neue Signale an das Gehirn senden.
Vom Darm zum Gehirn
Auch der Darm kann Informationen in Richtung Gehirn übertragen.
Dafür werden derzeit vor allem vier Wege untersucht:
- Nervenverbindungen wie der Vagusnerv
- das Immunsystem und seine Botenstoffe
- Hormone und das Stresssystem
- Stoffwechselprodukte von Darmbakterien
Man könnte sich die Darm-Hirn-Achse deshalb eher wie eine mehrspurige Autobahn als wie ein einzelnes Kabel vorstellen.
Der Vagusnerv: Eine wichtige Verbindung zum Gehirn
Eine dieser „Spuren“ ist der Vagusnerv. Er gehört zum parasympathischen Nervensystem und verbindet das Gehirn mit zahlreichen inneren Organen.
Ein großer Teil seiner Nervenfasern übermittelt Informationen aus dem Körper in Richtung Gehirn. Dadurch erhält das Gehirn kontinuierlich Informationen darüber, was in den inneren Organen geschieht.
Auch aus dem Verdauungssystem werden beispielsweise Informationen über Nährstoffe, Dehnung und andere körperliche Vorgänge weitergeleitet.
Der Vagusnerv gilt deshalb als ein wichtiger Bestandteil der Darm-Hirn-Achse. Er ist allerdings nicht der einzige Kommunikationsweg. Hormone, Immunbotenstoffe und bakterielle Stoffwechselprodukte sind ebenso Teil des Systems.
Darm und Immunsystem: Warum beide so eng zusammenarbeiten
Einer der interessantesten Aspekte der Darm-Hirn-Forschung ist die Verbindung zum Immunsystem.
Unser Darm hat eine schwierige Aufgabe: Jeden Tag gelangen mit der Nahrung zahllose fremde Substanzen und Mikroorganismen in den Verdauungstrakt.
Das Immunsystem muss deshalb ständig unterscheiden:
Was ist harmlos? Was gehört zu unserem normalen Mikrobiom? Und was könnte tatsächlich gefährlich sein?
Aus diesem Grund findet im Darm eine besonders intensive Kommunikation zwischen Mikroorganismen, Darmzellen und Immunzellen statt.
Die Darmbarriere als Schutzschicht
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Darmbarriere.
Sie besteht nicht einfach aus einer undurchlässigen Wand. Vielmehr muss sie gleichzeitig zwei widersprüchliche Aufgaben erfüllen:
Nährstoffe sollen aufgenommen werden, während unerwünschte Mikroorganismen und andere problematische Bestandteile möglichst nicht unkontrolliert in den Körper gelangen sollen.
Darmbakterien und ihre Stoffwechselprodukte können die Funktion dieser Barriere beeinflussen. Gleichzeitig reagiert das Immunsystem auf Veränderungen im Darm.
Damit entsteht ein enges Zusammenspiel zwischen Mikrobiom, Darmwand und Immunabwehr.
Was haben Entzündungen mit unserer Psyche zu tun?
Hier wird die Verbindung zur mentalen Gesundheit besonders interessant.
Bei einer Immunreaktion setzt der Körper verschiedene Botenstoffe frei, darunter sogenannte Zytokine. Diese können Entzündungsprozesse fördern oder regulieren.
Chronische niedriggradige Entzündungsprozesse werden inzwischen auch im Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Erkrankungen untersucht – unter anderem mit Depressionen.
Das bedeutet jedoch ausdrücklich nicht:
Entzündung = Depression.
Nicht jeder Mensch mit Depression weist relevante Entzündungsprozesse auf, und eine Immunaktivierung führt nicht automatisch zu einer psychischen Erkrankung.
Vielmehr scheint das Immunsystem einer von mehreren Wegen zu sein, über die körperliche Prozesse die Funktion des Gehirns beeinflussen können.
Botenstoffe: Produziert der Darm tatsächlich „Glückshormone“?
Im Internet liest man häufig, der Darm produziere das „Glückshormon Serotonin“ und ein gesunder Darm mache deshalb automatisch glücklicher.
Ganz so einfach ist es nicht.
Tatsächlich entsteht ein großer Teil des körpereigenen Serotonins im Verdauungstrakt, vor allem in sogenannten enterochromaffinen Zellen. Dort erfüllt Serotonin wichtige Aufgaben – beispielsweise bei der Regulation der Darmbewegung.
Das im Darm gebildete Serotonin gelangt jedoch nicht einfach über das Blut ins Gehirn, denn peripheres Serotonin kann die Blut-Hirn-Schranke nicht ohne Weiteres überwinden.
Interessant wird es an anderer Stelle.
Darmmikroorganismen können den Stoffwechsel von Tryptophan beeinflussen. Diese essentielle Aminosäure ist Ausgangsstoff verschiedener Stoffwechselwege und unter anderem eine Vorstufe für die Serotoninsynthese.
Auch Botenstoffe wie GABA und Dopamin beziehungsweise deren Stoffwechselwege werden im Zusammenhang mit dem Mikrobiom erforscht.
Die entscheidende Botschaft lautet deshalb nicht: „Darmbakterien produzieren Glück.“
Sondern vielmehr:
Darmbakterien können Stoffwechselprozesse beeinflussen, die mit Nervensystem, Immunsystem und Gehirnfunktion verbunden sind.
Kurzkettige Fettsäuren: Wenn Darmbakterien Ballaststoffe verwerten
Ein weiterer Forschungsbereich betrifft sogenannte kurzkettige Fettsäuren, auf Englisch Short-Chain Fatty Acids oder SCFAs.
Zu ihnen gehören beispielsweise:
- Butyrat,
- Propionat
- und Acetat.
Sie entstehen unter anderem, wenn bestimmte Darmbakterien für uns unverdauliche Kohlenhydrate und Ballaststoffe fermentieren.
Besonders Butyrat ist für die Forschung interessant. Kurzkettige Fettsäuren können die Darmbarriere und verschiedene Immunreaktionen beeinflussen und wirken auch außerhalb des Darms auf Stoffwechselprozesse.
Darüber hinaus werden mögliche Auswirkungen auf die Darm-Hirn-Achse untersucht.
Stress, Darm und Psyche: Wenn ein Kreislauf entsteht
Stress verdeutlicht besonders gut, warum sich Darm und Psyche nicht isoliert betrachten lassen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, kurz HPA-Achse. Sie gehört zu den zentralen Stresssystemen unseres Körpers und reguliert unter anderem die Ausschüttung von Cortisol.
Kurzfristig ist diese Stressreaktion sinnvoll. Problematisch kann eine dauerhaft erhöhte Belastung werden.
Chronischer Stress kann über Nervensystem und Hormone die Verdauung, Darmbarriere, Immunreaktionen und möglicherweise auch das Mikrobiom beeinflussen.
Gleichzeitig können Signale aus Darm und Immunsystem wiederum mit der Regulation der HPA-Achse interagieren.
So kann ein wechselseitiger Kreislauf entstehen:
Stress → körperliche Veränderungen → Darm und Immunsystem → Signale zurück zum Gehirn.
Auch hier gilt: Das ist keine einfache Ursache-Wirkungs-Kette, sondern ein komplexes Regulationssystem.
Schlaf: Ein weiterer Teil des Systems
Schlaf gehört ebenfalls in dieses Netzwerk.
Schlafmangel beeinflusst Stresssystem, Stoffwechsel, Immunreaktionen und psychische Belastbarkeit. Gleichzeitig mehren sich Hinweise darauf, dass Schlafdauer, Schlafqualität und Tagesrhythmus mit Veränderungen des Darmmikrobioms zusammenhängen.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit über 41 Humanstudien kam zu dem Ergebnis, dass verkürzter oder gestörter Schlaf und ein verschobener Tag-Nacht-Rhythmus mit Veränderungen in Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms verbunden sein können. Die Ergebnisse zur mikrobiellen Vielfalt waren allerdings nicht einheitlich.
Damit ergibt sich erneut kein linearer Zusammenhang, sondern ein Netzwerk:
Schlaf ↔ Stress ↔ Immunsystem ↔ Stoffwechsel ↔ Darm ↔ Gehirn
Wer schlecht schläft, verändert also nicht zwangsläufig seine Darmflora auf eine bestimmte Weise. Die Forschung zeigt vielmehr, wie viele Faktoren gleichzeitig miteinander verbunden sind.
Ernährung und Bewegung: Was wir tatsächlich beeinflussen können
Das Darmmikrobiom reagiert auf unsere Lebensweise.
Besonders gut untersucht ist die Ernährung. Ballaststoffreiche pflanzliche Lebensmittel liefern vielen Darmbakterien Substrate, aus denen unter anderem kurzkettige Fettsäuren entstehen können.
Eine abwechslungsreiche Ernährung mit beispielsweise:
Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen liefert eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzenbestandteile und Ballaststoffe.
Auch mediterran geprägte Ernährungsmuster wurden in Studien mit Veränderungen des Darmmikrobioms in Verbindung gebracht. Ein einzelnes „Superfood“ erzeugt jedoch kein gesundes Mikrobiom. Entscheidend scheint vielmehr das gesamte Ernährungsmuster zu sein.
Auch körperliche Bewegung kann das Mikrobiom beeinflussen. Die Ergebnisse sind jedoch nicht vollkommen einheitlich und hängen unter anderem von Intensität, Ernährung und untersuchter Population ab.
Für die mentale Gesundheit sind Ernährung und Bewegung ohnehin nur Teile eines größeren Bildes. Ebenso wichtig sind Schlaf, soziale Beziehungen, Stressbewältigung und bei psychischen Erkrankungen eine angemessene professionelle Behandlung.
Darmflora und Depression: Was wissen wir wirklich?
Gerade bei Depressionen ist die Darm-Hirn-Achse zu einem wichtigen Forschungsgebiet geworden.
Studien finden bei Menschen mit Depressionen teilweise Unterschiede in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms gegenüber gesunden Vergleichsgruppen. Außerdem werden Zusammenhänge zwischen Mikrobiom, Entzündung, Stresssystem und verschiedenen Stoffwechselwegen untersucht.
Doch hier liegt ein entscheidendes wissenschaftliches Problem:
Ein Zusammenhang beweist keine Ursache.
Menschen mit Depression unterscheiden sich möglicherweise gleichzeitig hinsichtlich Schlaf, Bewegung, Ernährung, Medikamenteneinnahme, Stressbelastung und sozialem Verhalten. All diese Faktoren können wiederum das Darmmikrobiom verändern.
Auch Probiotika und andere sogenannte mikrobiomgerichtete Interventionen werden untersucht. Meta-Analysen finden teilweise kleine Verbesserungen depressiver Symptome, die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch zwischen Studien, Produkten und Personengruppen. Daraus lässt sich bislang keine allgemeingültige „Darmbehandlung“ gegen Depressionen ableiten.
Bewährte psychologische und medizinische Behandlungen werden dadurch nicht ersetzt. Für Depressionen stehen wirksame psychologische und – abhängig von Schweregrad und individueller Situation – medikamentöse Behandlungen zur Verfügung.
Was die Forschung noch nicht weiß
Die Darm-Hirn-Achse ist wissenschaftlich äußerst spannend – aber viele Fragen sind noch offen.
Bislang lässt sich beispielsweise nicht eindeutig beantworten:
- Wie sieht ein „optimales“ Darmmikrobiom überhaupt aus?
- Welche Unterschiede zwischen Menschen sind normal?
- Welche Veränderungen sind Ursache und welche Folge einer Erkrankung?
- Welche Bakterien oder Stoffwechselprodukte sind für welche Menschen relevant?
- Lassen sich psychische Erkrankungen zukünftig gezielt über das Mikrobiom mitbehandeln?
- Welche Rolle spielen Alter, Ernährung, Medikamente und genetische Unterschiede?
Gerade deshalb ist eine nüchterne Betrachtung wichtig.
Die Forschung liefert zunehmend Hinweise darauf, dass der Darm für unsere mentale Gesundheit relevant sein kann. Sie liefert aber bislang keine Grundlage für einfache Aussagen wie „Depression entsteht im Darm“ oder „die richtige Darmflora macht glücklich“.
Fazit: Mentale Gesundheit beginnt nicht nur im Kopf
Unser Darm ist wesentlich mehr als ein Verdauungsorgan.
Über Nervensystem, Vagusnerv, Immunsystem, Hormone und Stoffwechselprodukte steht er in ständigem Austausch mit unserem Gehirn. Gleichzeitig beeinflussen Stress und andere Vorgänge im Gehirn wiederum Verdauung, Darmbarriere und wahrscheinlich auch Teile des Mikrobioms.
Die Darm-Hirn-Achse zeigt damit besonders anschaulich, wie eng körperliche und psychische Gesundheit miteinander verbunden sind.
Dabei sollte der Darm jedoch nicht zur neuen Erklärung für jede psychische Beschwerde werden. Depressionen, Ängste oder chronische Erschöpfung entstehen durch ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.
Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei länger anhaltender Niedergeschlagenheit, starken Ängsten, ausgeprägter Erschöpfung oder anderen psychischen Beschwerden sollte professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden.
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